Merz und Erdogan geraten wegen Gaza aneinander, vertiefen aber die Verteidigungsbeziehungen
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Bundeskanzler Friedrich Merz unternahm seinen ersten offiziellen Besuch in der Türkei und traf Präsident Recep Tayyip Erdoğan in Ankara, um eine Reihe strategischer Fragen zu erörtern, darunter Migration, Verteidigung und regionale Sicherheit. Obwohl das Treffen die Stärkung der bilateralen Beziehungen und die Unterstützung der EU-Beitrittsbestrebungen der Türkei zum Ziel hatte, traten deutliche Meinungsverschiedenheiten über den Gaza-Konflikt und die Menschenrechtslage in der Türkei zutage.
Deutschland bezeichnet die Türkei als wichtigen EU-Partner
Auf der gemeinsamen Pressekonferenz bekräftigte Bundeskanzler Merz, dass Deutschland die Türkei als einen entscheidenden Partner für Europa betrachtet. Er betonte die engen sozialen und wirtschaftlichen Verbindungen beider Länder und die Notwendigkeit, weiterhin eng zusammenzuarbeiten, insbesondere in den Bereichen Verteidigung und Energie. Merz bezeichnete die Partnerschaft als unerlässlich für die Stabilität im euro-atlantischen Raum und hob die Rolle der Türkei als NATO-Mitglied sowie ihre wachsende Bedeutung bei der Bewältigung von Migration und regionalen Konflikten hervor.
Merz betonte, Deutschland unterstütze weiterhin die langjährigen EU-Beitrittsambitionen der Türkei, forderte Ankara jedoch nachdrücklich auf, Reformen in den Bereichen Rechtsstaatlichkeit und richterliche Unabhängigkeit voranzutreiben. Er verwies auf jüngste Entwicklungen in der Türkei, die seiner Ansicht nach nicht den europäischen Standards entsprächen. „Es wurden Entscheidungen getroffen, die die Kopenhagener Kriterien noch nicht vollständig erfüllen“, erklärte Merz und bezog sich damit auf die Bedingungen, die Länder für einen Beitritt zur Europäischen Union erfüllen müssen.
Spannungen um Gaza und Menschenrechte
Der hitzigste Wortwechsel fand statt, als die beiden Staatschefs den andauernden Krieg im Gazastreifen ansprachen. Merz stellte klar, dass Deutschland „immer fest an der Seite des Staates Israel stehen wird“ und bezeichnete Israel als Zufluchtsort für Millionen von Juden, darunter Holocaust-Überlebende. Er sagte außerdem, die Hamas hätte den Krieg früher beenden können, indem sie Geiseln freigelassen und die Waffen niedergelegt hätte.
Erdogan wies diese Interpretation entschieden zurück und warf Israel „Völkermord“ und „Hungernverbrechen“ im Gazastreifen vor. Der türkische Präsident verurteilte Deutschlands anhaltende politische Unterstützung für Israel und betonte, es sei die humanitäre Pflicht aller Nationen, einschließlich Deutschlands, die von ihm als „Massaker“ bezeichneten Vorgänge zu stoppen. „Sieht Deutschland das denn nicht?“, fragte er und kritisierte die westlichen Staaten für ihr seiner Ansicht nach Schweigen angesichts des Leids der Zivilbevölkerung in der Region.
Trotz des scharfen Wortwechsels würdigten beide Staatschefs die Rolle der Türkei bei der Vermittlung des brüchigen Waffenstillstands zwischen Israel und der Hamas. Merz dankte Erdoğan für die Vermittlungsbemühungen der Türkei und forderte ihn auf, seinen Einfluss zu nutzen, um den Waffenstillstand zu stabilisieren und die Hamas zur Einhaltung der bestehenden Friedensabkommen zu bewegen.
Der Fall Imamoglu und Bedenken hinsichtlich der Rechtsstaatlichkeit
Merz nutzte den Besuch auch, um seine Besorgnis über die Rechtsstaatlichkeit in der Türkei zu äußern, insbesondere nach der Verhaftung des Istanbuler Bürgermeisters Ekrem İmamoğlu. Der populäre Oppositionelle befindet sich seit März wegen Korruptions- und Spionagevorwürfen in Haft, die er bestreitet. Der Fall ist zu einem Symbol für die zunehmende politische Repression in der Türkei geworden.
Auf die Frage nach Imamoglu verteidigte Erdoğan die Unabhängigkeit der Justiz und erklärte: „Niemand steht über dem Gesetz.“ Merz merkte jedoch an, dass bestimmte Entwicklungen in der Türkei „nicht unserem Verständnis von Rechtsstaatlichkeit entsprechen“. Er betonte, Deutschland werde diese Angelegenheiten weiterhin offen mit Ankara erörtern und gleichzeitig die strategische Partnerschaft aufrechterhalten.
Die Verteidigungszusammenarbeit wird trotz Streitigkeiten gestärkt
Über die politischen Differenzen hinaus fanden die beiden Staatschefs in Verteidigungs- und Sicherheitsfragen Übereinstimmung. Merz begrüßte die Entscheidung der Türkei, in Zusammenarbeit mit Deutschland und anderen NATO-Partnern 20 Eurofighter-Kampfjets zu erwerben, und bezeichnete dies als Schritt zur Stärkung der kollektiven Verteidigungsfähigkeit. „Russlands militanter Revisionismus gefährdet die euro-atlantische Sicherheit insgesamt“, sagte Merz und bezeichnete das Abkommen als wertvollen Beitrag zur Abschreckungsstrategie der NATO.
Erdoğan stimmte zu, dass das sich wandelnde Sicherheitsumfeld in Europa eine engere Zusammenarbeit erfordere. Er rief beide Länder dazu auf, bürokratische Hürden bei der Rüstungsbeschaffung zu überwinden und sich stattdessen auf gemeinsame Technologieprojekte zu konzentrieren. „Wir müssen die Probleme hinter uns lassen und uns auf gemeinsame Ziele fokussieren“, erklärte Erdoğan und fügte hinzu, die Türkei betrachte Deutschland als einen verlässlichen Verteidigungspartner.
Weiterreichende regionale und migrationsbezogene Fragen
Die Staats- und Regierungschefs erörterten auch die Rolle der Türkei als Vermittler zwischen Russland und der Ukraine. Obwohl Erdoğan Gespräche zwischen beiden Seiten ermöglicht hat, sind die Fortschritte in Richtung Frieden begrenzt. Die Türkei verfolgt weiterhin ein ausgewogenes Verhältnis sowohl zu Moskau als auch zu Kiew - sie liefert Waffen an die Ukraine, beteiligt sich aber nicht an den EU-Sanktionen gegen Russland. Merz forderte eine engere Abstimmung mit den europäischen Partnern, um die Einheit gegen die russische Aggression zu stärken.
Migration war ein weiteres zentrales Thema. Merz äußerte den Wunsch, die Zusammenarbeit mit der Türkei bei der Rückführung abgelehnter Asylbewerber zu verbessern. Beide Länder arbeiten an neuen Abkommen zur Erleichterung von Rückführungen, unter anderem für Syrer, die über die Türkei nach Deutschland eingereist sind. Merz zeigte sich zuversichtlich, dass „bald weitere Fortschritte erzielt werden“.
Ein diplomatischer Balanceakt
Trotz der Meinungsverschiedenheiten über Gaza und die Innenpolitik präsentierten beide Seiten den Besuch als ein neues Kapitel in den bilateralen Beziehungen. Merz beschrieb die Partnerschaft als „in einzigartiger Weise umfassend und tiefgründig“ und hob die gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen, die Präsenz von Millionen Menschen türkischer Herkunft in Deutschland sowie die gemeinsamen NATO-Verpflichtungen hervor.
Erdoğan seinerseits betonte die Bedeutung familiärer und kultureller Diplomatie und empfing Merz und seine Frau Charlotte mit zeremoniellen Ehren. Ihr gemeinsamer Auftritt, einschließlich der Teilnahme an Kranzniederlegungen und Staatsempfängen, wurde als Versuch interpretiert, inmitten der politischen Komplexität persönliche Wärme zu demonstrieren.
Das Treffen unterstrich, dass Deutschland und die Türkei zwar in Fragen der Menschenrechte und der Nahostpolitik weiterhin unterschiedlicher Meinung sind, beide jedoch die strategische Notwendigkeit der Zusammenarbeit in den Bereichen Verteidigung, Handel und Migration anerkennen. Angesichts der sich wandelnden geopolitischen Lage streben Berlin und Ankara eine pragmatische Partnerschaft an, die moralische Kritik mit gegenseitigen Notwendigkeiten in Einklang bringt.
Dieser Artikel wurde aus dem Englischen übersetzt.



