Die deutsche Regierung hat einen weiteren Versuch unternommen, ihr wohl bekanntestes Exportgut – die Bürokratie – abzubauen. Am 15. Juli trat das Kabinett zu seiner zweiten Sondersitzung zusammen, die sich ausschließlich dem Bürokratieabbau widmete, und verabschiedete ein Entlastungspaket mit jährlichen Einsparungen von rund 600 Millionen Euro für Unternehmen, Bürger und die öffentliche Verwaltung. Zusammen mit der ersten Entlastungssitzung im November 2025 hat die Regierung nach eigenen Angaben nun mehr als 40 Maßnahmen beschlossen, die die Kosten um etwa 10 Milliarden Euro pro Jahr senken sollen. Die neue Runde betrifft den Alltag direkter als die meisten anderen Reformpakete: Gesundheitsdaten, Fahrstunden, Internetanschlüsse und Baugenehmigungen stehen alle auf der Liste.
Was das Paket zur Bürokratieentlastung beinhaltet
Das Juli-Paket bündelt rund zehn Maßnahmen verschiedener Ministerien, koordiniert vom neuen Digitalministerium unter Minister Karsten Wildberger. Neben den wichtigsten Projekten umfasst es kleinere Einsparungen, die an altbekannte deutsche Verwaltungspraktiken erinnern: Fahrer von Elektroautos benötigen keine Umweltplakette mehr, Arbeitsämter bieten Videosprechstunden an, und Krankenkassen und Arbeitsagenturen teilen endlich Daten, anstatt Bürger zweimal nach denselben Dokumenten zu fragen – eine Änderung, die laut Regierung jährlich über 900,000 Arbeitsstunden einspart.
Bundeskanzler Friedrich Merz hat die Maßnahmen als fortlaufende Reihe und nicht als einmalige Veranstaltung konzipiert; ein weiteres Paket wurde für Ende des Jahres angekündigt. Das Digitalministerium führt eine öffentliche Liste der beschlossenen Maßnahmen, und laut der Fachzeitschrift Deutsche Handwerk Zeitung beziffert Wildberger die seit November 2025 vereinbarten jährlichen Hilfszahlungen auf insgesamt 10.4 Milliarden Euro.
Gesundheitsakten bringen die größten Einzeleinsparungen
Der mit Abstand größte Posten ist das geplante Gesundheitsdatengesetz GeDIG, das Gesetz zur Datennutzung und digitalen Innovation im Gesundheitswesen, dessen jährliches Einsparpotenzial die Regierung auf rund 445 Millionen Euro schätzt. Kernstück ist der Ausbau der elektronischen Patientenakte (ePA), die von den gesetzlichen Krankenkassen für alle eingeführt wurde, die nicht widersprochen haben.

Dem Gesetzentwurf zufolge sollen Überweisungsscheine von Hausärzten an Fachärzte durch digitale Überweisungen ersetzt werden. Medikationspläne werden künftig von Ärzten und Apotheken gemeinsam digital aktualisiert, und Kliniken und Praxen müssen Befunde und Arztbriefe über sichere digitale Kanäle statt per Fax und Post austauschen. Patienten sollen zukünftig Termine buchen und eine erste Symptomabfrage über die ePA-App durchführen können. Wie das System heute funktioniert, erfahren Sie in unserem Leitfaden. das deutsche Gesundheitssystem.
Günstigere Fahrstunden, schnellere Baugenehmigungen
Zwei weitere Projekte zielen direkt auf die Haushaltsbudgets ab. Die Fahrschulreform soll die Kosten für den Führerscheinerwerb senken, die die Regierung auf durchschnittlich rund 3,400 Euro beziffert. Der obligatorische Theorieunterricht im Klassenzimmer wird nicht mehr in Präsenz stattfinden müssen; Fahrschüler können den Theorieteil digital absolvieren, beispielsweise über eine App. Dies soll Kosten sparen und Terminprobleme, insbesondere außerhalb von Großstädten, vermeiden.
Wohnungsbau und Infrastruktur erhalten zusätzliche Impulse. Eine Überarbeitung der Bauordnung soll die Planungs- und Genehmigungsverfahren für Wohnungsbau vereinfachen und digitalisieren. Vollständige Bauanträge gelten als genehmigt, wenn die Behörde nicht innerhalb von vier Monaten reagiert. Ein separates Gesetz beseitigt Hürden für den Ausbau von Telekommunikations- und Glasfasernetzen – ein wichtiger Schritt für alle, die monatelang auf einen Breitbandanschluss in ihrer neuen Wohnung warten mussten. Das Maßnahmenpaket knüpft an die umfassendere Modernisierungsagenda der Koalition an, über die wir bereits berichtet haben. Koalitionsreformpaket wurde zugestimmt.
Lob für das Tempo, Zweifel an der Darbietung
Wirtschaftsverbände begrüßen zwar die Richtung der Bürokratieabbau-Initiative, kritisieren aber das Tempo. Der Industrie- und Handelskammerverband DIHK reagierte zurückhaltend; Geschäftsführerin Helena Melnikov argumentierte, dass Unternehmen immer noch mehr neue Regeln auferlegen als alte loswerden – eine Kritik, die t-online mit „zu viel versprochen, zu wenig umgesetzt“ zusammenfasste. Die deutsche Wirtschaft schätzt die Gesamtkosten der Bürokratie auf weit über 100 Milliarden Euro jährlich, wodurch selbst 10 Milliarden Euro Entlastung wie eine erste Tranche wirken.
Wildberger räumt dies teilweise selbst ein und beschreibt die Bemühungen als langfristigen Prozess und nicht als abgeschlossenes Projekt. Die eigentliche Bewährungsprobe wird die Umsetzung sein: Mehrere Maßnahmen, darunter GeDIG und die Überarbeitung der Bauordnung, sind Gesetzesentwürfe, die noch vom Parlament verabschiedet werden müssen, bevor auch nur ein Cent gespart werden kann.
Was die Bürokratieerleichterung für Auswanderer bedeutet
Für internationale Fachkräfte sind konkrete Versprechen am greifbarsten. Ein digitaler Theoriekurs könnte den Erwerb des deutschen Führerscheins günstiger und besser mit einer Vollzeitbeschäftigung vereinbar machen. Schnellere Baugenehmigungen werden die Mieten nicht über Nacht senken, aber alles, was den Wohnungsbau beschleunigt, hilft in einem angespannten Markt. Und digitale Überweisungen würden Patienten das typisch deutsche Ritual ersparen, vor dem Facharztbesuch eine Überweisung in Papierform abzuholen.
Die Erweiterung der elektronischen Patientenakte (ePA) birgt eine wichtige Einschränkung: Die Akteneinsicht ist optional, und da immer mehr Daten in die Akte gelangen, empfiehlt es sich, die Einstellungen regelmäßig zu überprüfen. Jeder Versicherte kann über die App seiner Krankenkasse einschränken, welche Ärzte welche Dokumente einsehen dürfen, oder der Akteneinsicht vollständig widersprechen. Bürokratieabbau ist im Allgemeinen eine gute Nachricht, doch gerade bei Gesundheitsdaten müssen Sie als Versicherter selbst – und nicht nur die Regierung – zwischen Komfort und Datenschutz abwägen.
