Startseite NachrichtenKontroverse um Palantir-Software in Deutschland verschärft sich

Kontroverse um Palantir-Software in Deutschland verschärft sich

by WeLiveInDE
0 Kommentare

Die Zahl der Palantir-Software-Einsätze bei deutschen Polizeibehörden hat sich vervielfacht, seit Hessen die Gotham-basierte Plattform 2017 erstmals in seine Datenbanken eingebunden hat. Bayern folgte 2024 mit seinem „VeRA“-System, und Nordrhein-Westfalen nutzt eine angepasste Version namens „DAR“ für Routineermittlungen. Baden-Württemberg bereitet den Beitritt vor. Damit sind vier von 16 Bundesländern bereit, Millionen von Polizeiakten, Handydaten und Social-Media-Posts in die Algorithmen von Palantir einzuspeisen.
Unterstützer innerhalb der Polizei verweisen auf die enorme Zeitersparnis. Nach einem Angriff auf das israelische Konsulat in München im September 2024 konnten Ermittler zufolge mithilfe von VeRA die bisherigen Bewegungen der Verdächtigen in Sekundenschnelle nachverfolgen. So konnten die Beamten ihre Fluchtwege vorhersehen und den Vorfall schnell beenden. Gewerkschaftsfunktionär Alexander Poitz behauptet, dieser „sofortige Musterabgleich“ präge nun die Einsatzplanung im ganzen Bundesland.

Bürgerrechte stellen Massendatenverarbeitung in Frage

Während die Einsatzleiter schnellere Durchsuchungen begrüßen, argumentiert die Gesellschaft für Bürgerrechte (GFF), diese Praxis verstoße gegen das verfassungsmäßige Recht auf informationelle Selbstbestimmung. Ihre Anwälte haben gegen die bayerischen und nordrhein-westfälischen Polizeigesetze geklagt und gewarnt, dass die massenhafte Verknüpfung unabhängiger Datensätze es den Beamten ermögliche, jeden – einschließlich Opfer und Unbeteiligte – ohne Vorwarnung oder Verdacht zu untersuchen.
Der Chaos Computer Club, das älteste Hackerkollektiv der Welt, unterstützt die Klagen. Sprecherin Constanze Kurz kritisiert eine „Rasterfahndung in einer undurchsichtigen Blackbox“. Da Palantir seinen Quellcode geheim hält, können unabhängige Experten versteckte Funktionen oder externe Datenkopien nicht ausschließen, obwohl die Server auf deutschem Boden stehen.

Bundeskabinett uneinig über bundesweite Einführung

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) hat die Behörden gebeten zu prüfen, ob die deutsche Polizei die Palantir-Software in einer gemeinsamen Bundesinstanz nutzen könnte. Damit widerspricht er der Position seiner Vorgängerin Nancy Faeser, die einen Kauf im Jahr 2023 blockiert hatte.
Digitalminister Karsten Wildberger (CDU) unterstützt die Initiative unter Vorbehalt und betont, Demokratien müssten mit der technologischen Reichweite ihrer Gegner Schritt halten. Gleichzeitig mahnt er, Deutschland müsse „auch europäische Alternativen schaffen“, und greift damit das Koalitionsversprechen der „digitalen Souveränität“ auf.
Auch aus dem Regierungslager regt sich Widerstand. Der Grünen-Abgeordnete Konstantin von Notz bezeichnet Dobrindt als „Lobbyisten eines umstrittenen US-Unternehmens“, und der SPD-Abgeordnete Johannes Schätzl bezeichnet Palantir als „eng mit dem amerikanischen Geheimdienst verflochten“. Justizministerin Stefanie Hubig betont, jedes Instrument müsse „rechtsstaatlichen Prinzipien entsprechen“, und signalisiert damit, dass die Zustimmung des Kabinetts alles andere als sicher ist.

Abhängigkeit von US-Technologie löst Souveränitätsdebatte aus

Palantir Technologies, an der Wall Street mit rund 360 Milliarden US-Dollar bewertet, wurde 2003 vom deutschstämmigen Milliardär Peter Thiel und CEO Alex Karp gegründet. Der Name des Unternehmens – und der der Gotham-Plattform – erinnert an Fantasy-Literatur. Kritiker bemängeln jedoch, dass Palantir in der Praxis strategisch auf ein Unternehmen mit engen Verbindungen zum US-Militär und Geheimdienst angewiesen sei.
Wildberger weist darauf hin, dass drei Viertel der in Deutschland genutzten Cloud-Dienste bereits von amerikanischen Hyperscalern stammen. Seiner Ansicht nach wiederholt sich durch die mangelnde Förderung einheimischer Analyseanbieter der Fehler der Vergangenheit, die Deutschland bei der Beschaffung von Energie und Verteidigungsgütern gemacht hat. Bis zur Einführung von Konkurrenzprodukten zeigen mehrere Bundesländer jedoch keine Bereitschaft, den Anbieter zu wechseln.

Öffentliche Meinung und politische Dynamik

Eine Petition von Campact, die ein sofortiges Ende der Palantir-Nutzung forderte, sammelte diesen Sommer innerhalb einer Woche über 264,000 Unterschriften. Dennoch argumentieren Polizeiführungen, dass die aktuellen Kriminalitätstrends – von organisierten Banden bis hin zu extremistischen Netzwerken – Werkzeuge erfordern, die in der Lage sind, die weitläufigen digitalen Spuren zu durchkämmen.
Da die deutschen Polizeiprojekte mit Palantir-Software an der Schnittstelle zwischen Sicherheit und Datenschutz liegen, wird das Bundesverfassungsgericht wahrscheinlich die nächsten Meilensteine setzen. Sein Urteil aus dem Jahr 2023 zwang Hessen, die Suchkriterien einzugrenzen; ein ähnliches Urteil über Bayern könnte die rechtlichen Rahmenbedingungen für jedes Bundesland und für jeden zukünftigen Einsatz auf Bundesebene neu definieren.

Nationale Wege auf dem Prüfstand

Wenn die Einführung in Baden-Württemberg planmäßig verläuft, werden sich die vier angrenzenden Bundesländer bald über Betrieb und Prüfung des Systems austauschen und so möglicherweise die Grundlage für eine breitere Einführung schaffen. Die Innenminister der übrigen Bundesländer haben eigene Machbarkeitsstudien in Auftrag gegeben, und Anbieter aus der Europäischen Union liefern sich ein Wettrennen um weniger umstrittene Alternativen.
Parallel dazu arbeiten die Abgeordneten an Gesetzesänderungen, die die Polizei verpflichten könnten, jede Abfrage zu protokollieren, Personen rückwirkend zu benachrichtigen und Daten von Zeugen zu schützen. Branchenanalysten gehen davon aus, dass die Entscheidungen Deutschlands, egal welches Modell gewählt wird, die Überwachungspolitik in ganz Europa beeinflussen werden. Mehrere Regierungen beobachten die Gerichtsverfahren aufmerksam.

Das könnte Sie auch interessieren