Mit Beginn der Heizsaison sind die deutschen Gasspeicher deutlich leerer als üblich. Branchendaten zufolge lagen die nationalen Speicher im Juli bei rund 57.4 Prozent und damit deutlich unter dem langjährigen Durchschnitt von fast 70 Prozent. Eine separate Analyse kam jedoch auf einen Füllstand von fast 50 Prozent, da sich nicht alle Standorte gleichmäßig füllen. Die Abweichung spiegelt unterschiedliche Stichtage wider und verdeutlicht die ungleichmäßige Auslastung der Kapazitäten. Der größte Standort, Rehden in Niedersachsen, bildet die Ausnahme: Mit rund 2 Prozent ist er fast leer, verglichen mit knapp über 55 Prozent im Vorjahr. Diese Lücke schürt die Sorge, wie schnell die Speicherkapazitäten vor sinkenden Temperaturen wieder aufgefüllt werden können.
Der deutsche Gasspeicher in Rehden ist fast leer
Der extrem niedrige Füllstand in Rehden hat mehrere Ursachen. Der Betreiber SEFE Storage, eine Tochtergesellschaft des Bundes, füllt nicht auf eigene Rechnung, sondern bietet Kapazitäten an Stadtwerke, Energieversorger und Industriekunden an. In normalen Sommern kaufen diese Kunden günstigeres Gas, speisen es ein und verkaufen es im Winter wieder. In diesem Jahr ist der Preisanreiz schwach: Trotz der Sommerflaute bleibt der Gasgroßhandelspreis hoch und liegt rund 40 Prozent über dem Vorjahresniveau, was spekulative Einspeisungen dämpft. SEFE vermarktet seit Anfang Mai Kapazitäten, doch die Nachfrage ist gering. Die Auslegung von Rehden verlangsamt zudem sowohl die Einspeisung als auch die Entnahme, sodass andere, schnellere Standorte bei Bedarfsspitzen ausgleichen müssen.
Deutsche Gasspeicherziele wurden gelockert
Nach zwei Wintern mit angespannten Märkten verankerte Deutschland gesetzliche Füllziele, um Engpässe zu vermeiden. Diese Ziele ermöglichten eine stetige Einspeisung auch im Sommer und trugen zur Stabilität des Systems bei, führten aber auch zu einer erhöhten Nachfrage bei hohen Preisen. Für 2025 hat die Regierung die Grenzwerte neu kalibriert. Rehden beispielsweise darf bis zum 45. November nur noch 1 Prozent erreichen, statt wie zuvor 95 Prozent. In früheren Wintern wurden die Gesamtziele im Oktober, November und Februar auf 90 Prozent angehoben. Die Änderung verringert den unmittelbaren Druck auf den Markt, beseitigt aber nicht die Notwendigkeit, ausreichend für eine schwere Kälteperiode nachzufüllen.
Warnung der Branche: Vollständige Auslastung bis November unerreichbar
Der Verband der Speicherbetreiber (Ines) warnt, dass eine vollständige Wiederauffüllung der Speicher bis zum 100. November 1 technisch bereits unmöglich sei. Basierend auf den gebuchten Kapazitäten könnten die Speicher bis dahin rund 2025 Prozent erreichen und damit noch den geltenden gesetzlichen Vorgaben entsprechen. Die Betreiber geben jedoch zu bedenken, dass 70 Prozent bei langen oder ungewöhnlich kalten Wintern oder bei Störungen der Versorgungswege möglicherweise nicht ausreichen. Die Kernaussage lautet, dass das System die gesetzlichen Grenzwerte zwar einhalten kann, die Belastbarkeitsreserven jedoch gering sind.
Marktmechanismen sorgen für langsame Injektionen
Hohe Preise sind die Hauptbremse. Erhöhte Sommerpreise reduzieren die klassische saisonale Spanne, die Händler nutzen, um sofortige Käufe und spätere Verkäufe zu rechtfertigen. Die Anforderung, Mindestmengen einzuhalten, hielt die Sommernachfrage auch in den Vorjahren hoch und trieb die Preise weiter in die Höhe. Selbst nach der Senkung der Schwellenwerte erwartet der Markt einen späteren Nachfrageanstieg, um die niedrigeren – aber immer noch verbindlichen – Ziele zu erreichen, was die heutige Preisgestaltung stützt. Da es weniger Schnäppchen gibt, warten viele Käufer lieber ab, und die Zufuhr verzögert sich.
Abgabe abgeschafft, Alarmstufe gesenkt
Privatkunden finanzierten strategische Einspeisungen bisher über eine Gasspeicherabgabe, die Haushalte jährlich etwa 20 bis 60 Euro kostete. Die Koalition hat diese Abgabe abgeschafft, was zwar die Rechnungen entlastet, aber auch eine Rückkehr zur marktgesteuerten Befüllung bedeutet. Auf Systemebene hat der Druck nachgelassen: Das Wirtschaftsministerium stufte die „Alarmstufe“ für 2022 zum 1. Juli auf eine „Frühwarnstufe“ herab und erklärte, die Gasflüsse seien stabil und die Versorgung gesichert. Die Behörden räumen jedoch ein, dass sich die Bedingungen schnell ändern können, wenn geopolitische Ereignisse den Handel beeinträchtigen.
Versorgungssicherheit beruht heute auf LNG und diversifizierten Lieferungen
Die Bundesnetzagentur betont, dass die deutsche Gasspeicherung als Ganzes und nicht nur standortbezogen betrachtet werden muss. Schnellere Anlagen können die schleppende Reaktion in Rehden überbrücken. Im Notfall können schwimmende und landgestützte LNG-Terminals in Wilhelmshaven, Brunsbüttel und Mukran die Zuflüsse erhöhen, unterstützt durch ein breiteres Portfolio, das Norwegen, die USA, Algerien und perspektivisch Katar umfasst. Russisches Pipelinegas erreicht weiterhin Teile Europas und beeinflusst indirekt die kontinentale Bilanz, doch Deutschland plant ohne dieses Gas. Sollte es zu einem plötzlichen Engpass kommen, müsste Gas oder LNG zu Spotpreisen gekauft werden, was die Käufer der globalen Volatilität aussetzt.
Preisausblick: Die Befüllung deutscher Gasspeicher wird teurer
Mehrere Faktoren deuten auf strukturell höhere Kosten hin. Der CO₂-Preis wird voraussichtlich steigen und damit die Kosten für gasbetriebene Wärme und Strom erhöhen. In transatlantischen Handelsgesprächen wird die US-Regierung voraussichtlich Druck auf Europa ausüben, mehr amerikanisches Flüssigerdgas zu kaufen, das wahrscheinlich nicht billiger sein wird. Auch die Politik erhöht die Nachfrage: Berlin plant neue Gaskraftwerke, um das Stromsystem bei geringer Wind- und Solarstromproduktion zu stabilisieren. Analysten erwarten daher, dass der deutsche Gasgroßhandel bis 50 im Vergleich zum jüngsten Durchschnitt um etwa 2030 Prozent steigen wird. Das bedeutet, dass die Einspeisung von Gas in deutsche Speicher weiterhin teuer bleiben wird.
Auswirkungen auf den Verbraucher und Rechnungsplanung
Für Haushalte bedeutet das Ende der Speicherabgabe eine kleine Entlastung, die zugrunde liegenden Energiekosten bleiben jedoch hoch. Wenn die Speicherkapazität im Herbst bei etwa 70 Prozent endet und der Winter mild ist, könnten Preisspitzen begrenzt werden. Eine kältere Jahreszeit, Verzögerungen bei LNG-Anlagen oder neue Handelskonflikte würden die Tarife früher ansteigen lassen. Mieter von Gebäuden mit Gaszentralheizung sollten für 2025/26 höhere Vorauszahlungen einplanen, und kleine Unternehmen mit Prozesswärmeverbrauch sollten Festpreisangebote frühzeitig prüfen.
Was Behörden und Unternehmen als nächstes tun
Die Bundesnetzagentur wird die Füllstandskurven überwachen und die Speicherentnahmen mit der LNG-Planung verknüpfen, um das Gleichgewicht zu wahren. Die Betreiber werden ihre Vermarktungskapazitäten aufrechterhalten, um mehr Käufer zu gewinnen, während die Versorgungsunternehmen abwägen, ob sie jetzt oder später einspeisen. Die Herabstufung von Alarm- auf Frühwarnungsniveau ist bedingt; die Behörden behalten ihre Notfallinstrumente bei, bevorzugen aber Marktsignale als Grundlage. Zentrale Kennzahl ist die tägliche Nettoeinspeiserate. Steigt sie im Spätsommer und Frühherbst, können die deutschen Gasspeicher einen Teil der Lücke schließen; andernfalls wird das System mit geringeren Puffern und einem höheren Preisrisiko in den Winter starten.
