Deutschland überholt Japan als größter globaler Gläubiger
Deutschland ist offiziell die größte Gläubigernation der Welt und hat Japan zum ersten Mal seit über drei Jahrzehnten überholt. Ende 2024 beliefen sich die deutschen Nettoauslandsvermögen auf rund 3.51 Billionen Euro bzw. 3.6 Billionen US-Dollar. Japan, das seit 1991 die Spitzenposition innehatte, folgt nun dicht dahinter mit 3.3 Billionen Euro. China belegt den dritten Platz, nachdem es 2019 von Deutschland überholt wurde.
Deutschlands neue Position spiegelt einen starken und anhaltenden Leistungsbilanzüberschuss wider. Das Land exportiert konstant mehr als es importiert, und ein Großteil des daraus resultierenden Kapitalüberschusses wird im Ausland investiert. Zu diesen Investitionen zählen ausländische Wertpapiere, Unternehmensanteile, direkte Fabrikinvestitionen, grenzüberschreitende Bankkredite und andere Finanzinstrumente deutscher Unternehmen.
Der Wert des deutschen Nettoauslandsvermögens entspricht rund 81 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. Das mag zwar als wirtschaftliche Stärke erscheinen, doch viele Ökonomen sehen die Zahlen differenzierter, ja sogar problematisch.
Hohe Auslandsvermögen, geringe Inlandsinvestitionen
Führende Ökonomen warnen, dass Deutschlands Aufstieg zum größten Gläubigerland auch seine Schwäche als Investitionsstandort verdeutlicht. Clemens Fuest, Chef des Münchner Ifo-Instituts, stellte fest, dass viele deutsche Unternehmen ihr Kapital lieber im Ausland investieren, als ihre Geschäftstätigkeit im Inland auszuweiten. Dieser Trend, so Fuest, könne zwar den Unternehmen zugutekommen, sei aber weniger günstig für die Schaffung von Arbeitsplätzen, das Lohnwachstum und die Steuereinnahmen im Inland.
Die Direktinvestitionen in Deutschland gehen weiter zurück, während die Kapitalflüsse ins Ausland steigen. Grenzüberschreitende Portfolioinvestitionen, insbesondere in ausländische Anleihen und Aktien, haben deutlich zugenommen. Ende 2024 beliefen sich die deutschen Forderungen gegenüber ausländischen Unternehmen auf 13.9 Billionen Euro, während die ausländischen Forderungen gegenüber deutschen Vermögenswerten lediglich 10.4 Billionen Euro betrugen.
Dieses Ungleichgewicht ist nicht nur wirtschaftlicher, sondern auch geopolitischer Natur. Investitionen in Ländern wie China gelten als zunehmend riskant. Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, warnte, dass deutsche Unternehmen bei einer Eskalation der geopolitischen Spannungen, insbesondere in Bezug auf Taiwan, erhebliche Verluste bei ihren chinesischen Beteiligungen erleiden könnten.
Geringe Anlagerenditen trotz globaler Reichweite
Trotz Deutschlands großem Auslandsvermögensportfolio ist es dem Land nicht gelungen, daraus wettbewerbsfähige Renditen zu erzielen. Moritz Schularick, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, kritisierte die deutsche Entwicklung und erklärte, Deutschland sei zwar der größte Gläubiger, gehöre aber gleichzeitig zu den am wenigsten effektiven globalen Investoren.
Laut einer aktuellen Studie, an der auch Schularick beteiligt war, erzielten deutsche Auslandsinvestitionen in den letzten Jahrzehnten durchschnittlich 4.8 Prozent Rendite. Das sind zwei Prozentpunkte weniger als in Frankreich und deutlich weniger als in den USA und Kanada. Die Studie schätzt, dass Deutschland zusätzliche 4.5 Billionen Euro hätte erwirtschaften können, wenn seine Auslandsinvestitionen die Performance der nordamerikanischen erreicht hätten.
Ein Grund hierfür ist die konservative Anlagestrategie Deutschlands, die oft niedrig verzinste Staatsanleihen gegenüber risikoreicheren, aber renditestärkeren Anlagen bevorzugt. Zudem haben die jüngsten Währungsschwankungen die vergleichbaren Performancekennzahlen verzerrt. Während der Euro gegenüber dem Dollar stabil blieb, verlor der japanische Yen im Jahr 8 mehr als 2024 % an Wert, was Deutschlands scheinbaren Vorsprung gegenüber dem Euro noch verstärkte.
Die globale Verschuldung steigt auf ein beispielloses Niveau
Deutschlands neue Rolle als weltweit größter Gläubiger kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die globale Gesamtverschuldung einen historischen Höchststand erreicht hat. Das Institute of International Finance (IIF) berichtet, dass die globale Verschuldung im ersten Quartal 2025 um 7.5 Billionen Dollar auf insgesamt über 324 Billionen Dollar gestiegen ist. Diese Zahl ist fast dreimal so hoch wie die jährliche Wirtschaftsleistung der Welt, die im Jahr 111 bei etwa 2024 Billionen Dollar lag.
Sowohl Industrie- als auch Schwellenländer tragen zu diesem Anstieg bei. Während reiche Länder jedoch generell über bessere Instrumente zur Verwaltung oder Umstrukturierung ihrer Schulden verfügen, sind ärmere Länder mit steigenden Zahlungsausfallrisiken und wirtschaftlicher Instabilität konfrontiert. In den Schwellenländern erreichte die Schuldenquote Anfang 2025 einen neuen Rekordwert.
Insbesondere die USA stehen am anderen Ende des Spektrums zu Deutschland. Nach Angaben des Internationalen Währungsfonds haben die USA Nettoauslandsverbindlichkeiten von rund 26.2 Billionen Dollar angehäuft. Dieses enorme Minus spiegelt jahrzehntelange Leistungsbilanzdefizite und die starke Abhängigkeit von ausländischem Kapital wider.
Deutschlands Überschuss weckt politische Aufmerksamkeit
Deutschlands hohe Nettoinvestitionsposition erregt bereits in globalen politischen Debatten Aufmerksamkeit. US-Präsident Donald Trump hat Handels- und Kapitalungleichgewichte häufig als Beweis für unfaire Wirtschaftspraktiken angeführt. Er warf Deutschland und anderen europäischen Ländern vor, die USA durch anhaltende Handelsüberschüsse, insbesondere bei Automobil- und Industrieexporten, „auszubeuten“.
Im Kontext der anhaltenden Handelsstreitigkeiten könnte Deutschlands Status als weltweit größter Gläubiger für zusätzliche Spannungen sorgen. Trump und andere Kritiker sehen in den hohen Leistungsbilanzüberschüssen eine Bedrohung für die US-Industrie und wirtschaftliche Souveränität, obwohl amerikanische Verbraucher und Institutionen von den Kapitalzuflüssen profitieren, die ihre Kreditaufnahme finanzieren.
Trumps Regierung hat wiederholt Zollerhöhungen und andere Handelsbarrieren für Länder mit hohen Überschüssen ins Spiel gebracht. Zwar wurden einige dieser Maßnahmen später wieder rückgängig gemacht oder ausgesetzt, doch die Grundstimmung bleibt bestehen: Deutschlands wirtschaftliche Stärke im Ausland könnte das Land in künftigen Verhandlungen zum Ziel machen.
Interne Debatte über die Vorteile des globalen Gläubigerstatus
In Deutschland wird weiterhin darüber diskutiert, ob es wirklich von Vorteil ist, der größte Gläubiger der Welt zu sein. Einige Experten argumentieren, das Land solle sich stärker darauf konzentrieren, die Binnennachfrage anzukurbeln und sich als Investitionsstandort attraktiver zu machen.
Deutschlands geringe öffentliche Investitionen in Infrastruktur, Digitalisierung und Bildung geben seit Jahren Anlass zur Sorge. Kritiker meinen, die Förderung deutscher Unternehmen zur Reinvestition ihrer Gewinne im Inland könne helfen, langjährige Probleme wie demografische Herausforderungen, geringes Produktivitätswachstum und zunehmende Ungleichheit zu lösen.
Andere warnen, dass Deutschlands Nettoauslandsvermögen in einer Welt wachsender geopolitischer Instabilität und finanzieller Fragmentierung zur Belastung werden könnte. Da Länder ihre globalen Lieferketten neu bewerten und strategische Industrien verstaatlichen, könnte es schwieriger werden, Deutschlands umfangreiche Auslandsbeteiligungen zu verteidigen.
