Der deutsche Innenminister Alexander Dobrindt hat sich gegenüber den in Deutschland lebenden Wehrpflichtigen aus der Ukraine verschärft. In einem Interview mit der „Welt am Sonntag“, das am 18. Juli veröffentlicht wurde, erklärte der CSU-Politiker, dass ukrainische Männer im wehrfähigen Alter, die keinen individuellen Asylgrund haben, zur Rückkehr in die Ukraine verpflichtet seien. Sein zentraler Satz: „Flucht vor Wehrpflicht ist kein Asylgrund.“
Die Aussage betrifft eine große Gruppe. Mehr als 260,000 ukrainische Männer im Alter von 23 bis 60 Jahren leben derzeit in Deutschland, wie die Nachrichtenagentur dts berichtete und unter anderem das Berliner Sonntagsblatt aufgriff. Die Äußerung stieß auf Zustimmung in Teilen der Regierungskoalition und auf scharfe Kritik von Menschenrechtsorganisationen. Damit zählt sie zu den umstrittensten Migrationsfragen des Sommers.
Was Dobrindt über ukrainische Wehrpflichtige sagte
Seit Russlands großangelegter Invasion 2022 genießen Ukrainer in der EU Schutz durch die sogenannte Massenzuwanderungsrichtlinie – einen Pauschalstatus, der sie von individuellen Asylverfahren befreit. Dobrindt fordert nun, dass Wehrpflichtige aus diesem kollektiven Schutz herausgenommen werden. Stattdessen sollen Männer zwischen 23 und 60 Jahren reguläre individuelle Asylverfahren durchlaufen, in denen jeder Fall einzeln geprüft wird.
Der Minister machte die Konsequenzen deutlich. Der Asylweg stehe ukrainischen Männern formal weiterhin offen, sagte er, doch da die Vermeidung des Wehrdienstes kein anerkannter Schutzgrund sei, würden die meisten Anträge dieser Gruppe abgelehnt. Wenn weder allgemeiner Schutz noch individuelles Asyl gewährt würden, folge daraus die Pflicht zur Rückkehr in die Ukraine – eine, wie er es nannte, logische Konsequenz. Dobrindt verteidigte den Ansatz auch politisch und argumentierte, es sei konsequent von einem Land, das die Ukraine militärisch unterstütze, von den für seine Verteidigung benötigten Männern zu erwarten, dass sie den Krieg nicht im Ausland absitzen.
Die EU-Entscheidung hinter dem Wandel
Dobrindts Äußerungen kamen nicht unerwartet. In der Woche vor dem Interview hatten sich die EU-Mitgliedstaaten darauf geeinigt, den automatischen Schutz für neu eintreffende ukrainische Männer im wehrfähigen Alter einzuschränken. Laut Beschluss ist der generelle Schutz für neue männliche Bewerber dieser Altersgruppe nur noch jenen vorbehalten, die ihren Wehrdienst in der Ukraine abgeleistet haben; alle anderen müssen ein individuelles Verfahren durchlaufen. Wie t-online berichtet, erfolgte die Änderung auf Wunsch der ukrainischen Regierung selbst, die mit einem akuten Personalmangel an der Front konfrontiert ist und die europäischen Partner seit Langem dazu drängt, den Schutz von Männern vor der Mobilmachung zu beenden.
Die Entscheidung auf EU-Ebene betrifft Neuankömmlinge, während Dobrindts Vorstoß weiter geht und den Status von Wehrpflichtigen im bereits in Deutschland lebenden Personen ins Visier nimmt. Wie und wann eine solche Änderung auf nationaler Ebene umgesetzt würde, ist noch unklar. Der allgemeine Rahmen für vorübergehenden Schutz von Ukrainern wurde kürzlich verlängert, wie wir bereits berichteten. Die EU verlängerte den Ukraine-Schutz bis 2028.Jegliche Ausnahmeregelung für Männer im wehrfähigen Alter würde also innerhalb dieses längeren Zeitraums liegen.
Kritik seitens des Europarats
Menschenrechtsorganisationen reagierten umgehend. Michael O’Flaherty, der Menschenrechtskommissar des Europarats, warnte vor dem zunehmenden Druck, den vorübergehenden Schutz vorzeitig zu beenden, und insbesondere davor, den Zugang für Männer im wehrfähigen Alter einzuschränken. Allen Wehrpflichtigen in der Ukraine pauschal den Schutz zu entziehen, wäre diskriminierend, argumentierte er, da die europäischen Staaten verpflichtet seien, jeden Asylfall individuell zu prüfen, selbst wenn die Ukraine ein legitimes Recht habe, ihre Bürger zu mobilisieren. Er warnte zudem, dass die Voraussetzungen für eine sichere und würdevolle Rückkehr in die Ukraine derzeit nicht gegeben seien.
Auch aus Deutschland selbst kam Kritik. Die taz bezeichnete die Verschärfung des Schutzes für Wehrpflichtige als grundlegenden Wandel im Umgang Europas mit Kriegsflüchtlingen. Befürworter entgegnen, die Maßnahme gleiche den Flüchtlingsschutz lediglich an die ukrainischen Gesetze an, die Männern zwischen 23 und 60 Jahren die Ausreise verbieten. Der Streit ist daher nicht nur juristischer, sondern auch moralischer Natur: Sollte Europa durch sein Asylsystem die Wehrpflichtbestimmungen eines anderen Staates durchsetzen?
Was Wehrpflichtige Ukrainer in Deutschland wissen sollten
Für ukrainische Männer, die bereits in Deutschland gemeldet sind, hat sich die Gesetzeslage vorerst nicht geändert. Bestehende Aufenthaltstitel im Rahmen des vorübergehenden Schutzes behalten ihre Gültigkeit, und Dobrindts Interview beschreibt eine politische Absicht, keine erlassene Verordnung. Jegliche Bestrebungen, Wehrpflichtige in der Ukraine in individuelle Asylverfahren zu überführen, würden konkrete rechtliche Schritte erfordern, und erzwungene Rückführungen in ein Land im Krieg würden, wie die Warnung des Europarats unterstreicht, auf erhebliche rechtliche Hürden stoßen.
Dennoch ist die Richtung klar, und betroffene Männer sollten die Entwicklungen aufmerksam verfolgen, anstatt vom Status quo auszugehen. Neuankömmlinge zwischen 23 und 60 Jahren unterliegen bereits den strengeren EU-Regeln, sofern sie ihren Wehrdienst nicht abgeleistet haben. Wer sich über seinen Status unsicher ist, sollte frühzeitig qualifizierte Beratung in Anspruch nehmen, alle individuellen Umstände dokumentieren, die einen Asylantrag stützen könnten, und die Umsetzung des neuen europäischen Rahmens in Deutschland im Auge behalten, den wir bereits erläutert haben. Die neuen EU-Asylregeln sind in Kraft getreten.Für die breitere Expat-Community ist die Debatte eine Erinnerung daran, dass der Schutzstatus in Europa auch Jahre nach der Ankunft noch angepasst werden kann.
