Skandal um Maskenbeschaffung weitet sich aus
Der ehemalige deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) steht wegen seiner Rolle bei der Beschaffung von Gesichtsmasken in der Frühphase der COVID-19-Pandemie erneut unter politischem und juristischem Druck. Ein kürzlich veröffentlichter, unredigierter Bericht der vom Bundestag beauftragten Sonderermittlerin Margaretha Sudhof enthüllt Details, die laut Oppositionsparteien auf systematisches Fehlverhalten, Versuche, Verantwortung zu verschleiern, und fragwürdige Finanzentscheidungen zu Lasten der Steuerzahler hinweisen.
Während Spahn die Vorwürfe zurückweist und jegliches Fehlverhalten bestreitet, werden die Forderungen nach einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss immer lauter, insbesondere von den Grünen und der Linkspartei. Der Bericht, der zunächst in stark redigierter Fassung vorgelegt wurde, sorgt nun für Kontroversen, nachdem mehrere deutsche Medien den vollständigen, unredigierten Inhalt erhalten und veröffentlicht haben.
Redigierter Bericht, der wichtige Details verbirgt
Der Sudhof-Bericht wurde ursprünglich in einer Form veröffentlicht, die kritische Details verschleierte. Laut Bundesgesundheitsministerium dienten die Streichungen dem Schutz personenbezogener Daten und Geschäftsgeheimnissen. Die nun veröffentlichten Abschnitte legen jedoch nahe, dass die Streichungen einem anderen Zweck dienten: der Verschleierung der direkten Beteiligung Spahns und seines Ministeriums an teuren und potenziell unethischen Beschaffungsverträgen.
Auf den Seiten 45 bis 48 des Berichts, die zuvor geschwärzt worden waren, wird angeblich eine vertrauliche Einigung mit dem Schweizer Lieferanten Emix beschrieben. Das Unternehmen, gegen das die Schweizer Behörden ebenfalls wegen Preiswucher ermittelt haben, lieferte FFP2-Masken zu einem Durchschnittspreis von 5.58 Euro pro Stück nach Deutschland – einige Exemplare kosteten sogar mehr als sieben Euro, was Sudhof als „schwer zu rechtfertigen“ bezeichnete.
Der Bericht enthüllt auch, dass fast die Hälfte der Emix-Masken vom TÜV Nord als mangelhaft eingestuft worden war. Dennoch unterzeichnete Spahns Ministerium eine Vereinbarung, in der die meisten Masken als akzeptabel anerkannt wurden, und leistete die Zahlung. Die Details der Einigung wurden erst mit dem Durchsickern des unredigierten Berichts öffentlich bekannt gegeben.
Vorwürfe der Bevorzugung und Verschleierung
Weitere Untersuchungen richten sich auf eine angebliche Zahlung von fast 18 Millionen Euro an eine Firma im Umfeld von Niels Korte, einem ehemaligen CDU-Kandidaten und bekannten Weggefährten Spahns. Kortes Firma Areal Invest soll diesen Betrag als Abgeltungsbetrag erhalten haben, die Bedingungen sind noch unklar. Sudhof erklärte in ihrem Bericht ausdrücklich, die Begründung für diese Zahlung sei nicht nachvollziehbar.
In einem anderen Abschnitt des Berichts wurde festgestellt, dass Fußnoten, die Spahn direkt mit Beschaffungsentscheidungen in Verbindung brachten, im Zuge der Redaktion systematisch entfernt wurden. Oppositionsparteien argumentieren, dies deute auf einen gezielten Versuch hin, persönliche Beteiligung zu vertuschen und Parteimitglieder vor öffentlicher und rechtlicher Verantwortung zu schützen.
Opposition fordert umfassende Untersuchung
Der gesundheitspolitische Sprecher der Grünen, Janosch Dahmen, hielt sich mit seiner Einschätzung der Enthüllungen nicht zurück. Er warf Spahn vor, „wiederholt, systematisch und mit dem Ziel, sich und sein Netzwerk zu schützen“ gelogen zu haben. Die Verschwendung öffentlicher Gelder während der Pandemie sei in Europa beispiellos, so Dahmen, sowohl hinsichtlich des Ausmaßes als auch hinsichtlich der Zahl der Masken, die nie ausgeliefert oder aufgrund mangelnder Qualität vernichtet wurden.
Die Linkspartei forderte gemeinsam mit den Grünen eine parlamentarische Untersuchung. Der gesundheitspolitische Sprecher Ates Gürpinar erklärte, die Union habe alles getan, um Spahn vor Konsequenzen zu schützen. Er bezeichnete die Affäre als „höchst fragwürdige Einmischung“ und forderte, Spahn zur Rechenschaft zu ziehen.
Beide Parteien betonen, dass die vorliegenden Beweise mehr als eine interne Überprüfung oder einen Beratungsausschuss rechtfertigen. Sie argumentieren, dass eine umfassende Untersuchung der einzige Weg sei, das öffentliche Vertrauen wiederherzustellen und die Entscheidungskette in einem der kritischsten Momente der jüngeren deutschen Geschichte aufzuklären.
Spahn reagiert mit Trotz
In Fernsehinterviews bestritt Spahn jegliches vorsätzliche Fehlverhalten. Er betonte, dass die Beschaffungsentscheidungen von Rechtsabteilungen und Beschaffungsspezialisten getroffen würden, nicht von ihm persönlich. Im Gespräch mit Bild am Sonntag Gegenüber dem ZDF wies er die Annahme zurück, die Streichungen hätten ihm Schutz bieten sollen und wies die Vorwürfe als politisch motiviert zurück.
„Ich habe nichts zu verbergen“, sagte Spahn und fügte hinzu, er hätte es vorgezogen, wenn der Bericht von Anfang an vollständig veröffentlicht worden wäre. „Ja, wir haben Fehler gemacht. Aber wir haben in gutem Glauben gehandelt und versucht, das Land im Notfall zu schützen.“
Er kritisierte die Grünen außerdem für ihre „beinahe diffamierenden Taktiken“ und verglich ihr Verhalten mit den Methoden der rechtsextremen AfD – eine Aussage, die sofort heftige Reaktionen hervorrief.
Das Parlament bereitet sich auf Anhörungen vor
Der Haushaltsausschuss des Bundestags wird Margaretha Sudhof diese Woche in einer Sondersitzung befragen. Die Abgeordneten erwarten, dass mehrere Punkte im Zusammenhang mit der Auftragsvergabeaufsicht, Vertragsunregelmäßigkeiten und der Frage geklärt werden, ob es unter Spahns Amtszeit ausreichende interne Kontrollen im Gesundheitsministerium gab.
Unterdessen geht die Debatte über die Notwendigkeit eines umfassenden parlamentarischen Untersuchungsausschusses weiter. Grüne und Linke verfügen nicht über genügend Sitze, um selbst eine Untersuchung einzuleiten, und haben eine Zusammenarbeit mit der AfD ausgeschlossen. Sie drängen nun die SPD oder die CDU selbst, das Verfahren zuzulassen.
Während die CDU-Führung Spahn weiterhin unterstützt, argumentieren Kritiker, dass eine Verzögerung einer umfassenden Untersuchung das Vertrauen der Öffentlichkeit weiter schädigen und die Rechenschaftspflicht für die Verwaltung von Milliarden an Steuergeldern verhindern könnte.
Auswirkungen der Beschaffungsentscheidungen während der Pandemie
Die Folgen der Maskenaffäre gehen über die Politik hinaus. Deutschland ist noch immer mit Rechtsstreitigkeiten über Verträge konfrontiert, die in den frühen Tagen der Pandemie überstürzt abgeschlossen wurden. Diese Fälle könnten zu finanziellen Belastungen in Milliardenhöhe führen.
Obwohl viele Deutsche der Pandemie-Reaktion der Regierung zuschreiben, dass sie Schlimmeres verhindert hat, werfen die jüngsten Enthüllungen erneut unangenehme Fragen zu Transparenz, Kontrolle und politischer Verantwortung in Krisenzeiten auf. Angesichts der bevorstehenden Aussage Sudhofs und des zunehmenden Drucks im Parlament dürfte das Thema so schnell nicht aus der öffentlichen Debatte verschwinden.
