Deutschlands Afrika-Schwerpunkt wird dringlicher

by WeLiveInDE
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Deutschlands Afrika-Schwerpunkt ist kein Slogan mehr. Beim G20-Finanzministertreffen in Durban kritisierte Finanzminister Lars Klingbeil Deutschland habe Afrika vernachlässigt und kündigte einen ersten Beitrag von 10 Millionen Euro zu einem Treuhandfonds der Weltbank an, der an den „Compact with Africa“ geknüpft ist. Er bezeichnete dies als ersten Schritt zu einer vertieften Partnerschaft mit dem Globalen Süden, die auf Investitionen, Handel und Menschenrechten aufbaut.

Stagnierende Exporte zeigen, warum eine Neuausrichtung Deutschlands auf Afrika notwendig ist

Handelszahlen unterstreichen die Herausforderung. Die deutschen Exporte nach Subsahara-Afrika beliefen sich 13.3 auf 2014 Milliarden Euro und 14.2 auf 2024 Milliarden Euro. Inflationsbereinigt liegt das Wachstum praktisch bei Null, obwohl Länder wie Tansania, die Elfenbeinküste und Senegal ein robustes Wachstum und eine steigende Nachfrage nach Infrastruktur, Konsumgütern und Energie verzeichnen. Konkurrenten aus China, Indien, der Türkei und den Golfstaaten haben Marktanteile erobert, während die deutschen Umsätze stagnierten.

Konkurrenten wetteifern um Märkte und Mineralien

Analysten sprechen von einem erneuten Wettlauf um Afrika, da das relative Gewicht der EU und der USA abnimmt. China hat seine Exporte und Investitionen vervielfacht und dominiert nun wichtige Lieferketten. Es kontrolliert über 60 Prozent des Abbaus seltener Erden und rund 90 Prozent der Verarbeitungskapazität und expandiert weiterhin im Bereich der Batteriemetalle. Exportbeschränkungen Pekings haben Europas Abhängigkeit offengelegt.

Rohstoffe im Mittelpunkt der deutsch-afrikanischen Ausrichtung

Der Zugang zu Kobalt, Bauxit, Lithium und Seltenen Erden ist für Batterien, Windkraftanlagen und Elektromotoren entscheidend. In der Demokratischen Republik Kongo besitzen chinesische Unternehmen 15 der 19 wichtigsten Kobalt- und Kupfervorkommen. Sollten politische Spannungen die chinesischen Lieferungen beeinträchtigen, bleiben nur wenige Alternativen. Deutsche Industrieverbände warnen, dass Europa vom Käufer zum Investor werden müsse, um verlässliche Liefermengen zu sichern.

Trumps Mineraliendiplomatie erhöht den Einsatz

Die USA haben Sicherheitsvermittlung mit Mineralienabkommen verknüpft. Nachdem Ruanda und die Demokratische Republik Kongo im Juni ein Friedensabkommen mit Washington unterzeichnet hatten, standen die Formulierungen zur Risikominderung von Mineralienlieferketten und zur gemeinsamen Wertschöpfung mit US-Partnern im Mittelpunkt. Der ehemalige Präsident Donald Trump lobte das Abkommen und behauptete, es sichere den Zugang zu kongolesischen Mineralien. Diese Aussage erntete heftige Kritik, verdeutlicht aber Washingtons selbstbewusstes Vorgehen.

Wirtschaft drängt auf Tempo: Eine Afrika-Strategie mit Instrumenten

Deutsche Wirtschaftsverbände und die Subsahara-Afrika-Initiative der Deutschen Wirtschaft fordern eine „Afrika-Kehrtwende“ und einen schlüssigen, langfristigen Plan. Führungskräfte argumentieren, Deutschlands Stärken lägen in Greenfield-Investitionen, lokalen Partnerschaften und nachhaltigem Wirtschaften. Sie betonen aber auch, dass die Botschaften aktiv Genehmigungen und Finanzierungen freigeben müssten, wie es die Partner in Belgien, den Niederlanden und Frankreich bereits tun.

Drei Investitionspfade für eine Neuausrichtung Deutschlands auf Afrika

Politikexperten skizzieren drei sich ergänzende Ansätze. Erstens die Rückwärtsintegration: Unternehmen sichern sich ihre Rohstoffe durch Direktinvestitionen in Minen, wie es frühere Energieunternehmen taten. Zweitens ein gemeinsames Branchenvehikel, das Projekte entwickelt und langfristige Abnahmeverträge abschließt. Drittens ein öffentlich gefördertes Rohstoffunternehmen, das Projekte katalysiert, politische Risiken absichert und privates Kapital akquiriert. Jede Mine erfordert typischerweise Investitionen in zweistelliger bis dreistelliger Millionenhöhe sowie Explorations- und Verarbeitungskapazitäten.

Entwicklungspolitik im Einklang mit Versorgungssicherheit

Der Koalitionsvertrag signalisiert, dass Entwicklungszusammenarbeit nationale Interessen, einschließlich des Zugangs zu Ressourcen, unterstützen sollte. Analysten argumentieren, dass dies eine Verlagerung von Ausbildungsprojekten hin zu strukturierter Risikoteilung, verbesserten Exportkrediten und Versicherungen erfordert, die kapitalintensive Projekte in Hochrisikoländern bankfähig machen. Ohne solche Instrumente werden sich die Forderungen, „in Afrika statt in China zu kaufen“, nicht in Lieferungen niederschlagen.

Deutschland muss bei der Afrika-Pivotierung Standards und Geschwindigkeit in Einklang bringen

Berlin betont, dass Partnerschaften Arbeits-, Umwelt- und Menschenrechtsstandards einhalten sollten. Unternehmen geben an, dass diese Standards mit wettbewerbsfähigen Zeitplänen vereinbar sind, sofern die Genehmigungen vorhersehbar sind und die Finanzierungspakete vollständig sind. Japans Erfahrung zeigt, dass eine teilweise Diversifizierung ohne Verarbeitungskapazitäten China einen Vorteil verschafft. Europa benötigt sowohl Investitionen im Upstream-Bereich als auch im Midstream-Bereich, um das Risiko zu reduzieren.

Erste Signale: Finanzierungszusagen, Strategiearbeit, Marktöffnungen

Klingbeils Zusage von 10 Millionen Euro für einen Treuhandfonds der Weltbank soll als Startkapital dienen, um höhere G20-Beiträge und private Investitionen zu mobilisieren. Wirtschaftsverbände erwarten weitere Schritte, während Berlin seine Afrika-Strategie finalisiert und die von der Industrie geforderte „Afrika-Wende“ umsetzt. Zu den ersten Zielen gehören der Ausbau des Stromnetzes, erneuerbare Energien, Projekte im Bereich kritischer Mineralien und die lokale Verarbeitung, um mehr Wert in den Partnerländern zu halten.

Wie Erfolg aussehen würde

Maßstäbe für eine glaubwürdige deutsch-afrikanische Ausrichtung sind nachhaltiges Wachstum bei Exporten und Investitionen, eine Reihe deutsch-finanzierter Bergbau- und Verarbeitungsprojekte mit transparenten ESG-Vorkehrungen, diversifizierte Abnahmeverträge für Kobalt, Mangan und Seltene Erden sowie Botschaften, die in der Lage sind, Finanzierungs- und Regulierungshürden schnell zu überwinden. Wenn diese Elemente umgesetzt werden, kann Deutschland strategische Abhängigkeiten reduzieren und gleichzeitig die afrikanische Industrialisierung unterstützen.

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