Deutsche Gefängnisse sind bundesweit fast voll. Eine aktuelle Umfrage der Justizministerien der Länder zeigt, dass 60,391 von 70,279 Plätzen belegt sind, was einer durchschnittlichen Auslastung von rund 86 Prozent entspricht. Die Zahlen signalisieren eine deutliche Verschärfung im Vergleich zu den Pandemiejahren, als die Häftlingszahlen kurzzeitig sanken, und unterstreichen, wie schnell die Belegung seit 2023 wieder angestiegen ist.
Wo Zellen knapp sind: Bild der einzelnen Staaten
Am stärksten ist der Engpass in Bundesländern mit einer Auslastung von über 90 Prozent. Rheinland-Pfalz meldet praktisch keine freien Zellen und erreicht eine Auslastung von rund 99.5 Prozent. Bremen liegt bei 97.1 Prozent, wobei 696 von 717 Plätzen belegt sind. Baden-Württemberg meldet rund 94.0 Prozent, das Saarland 92.9 Prozent und auch Hamburg liegt über 90 Prozent. Im Gegensatz dazu zeigen die ostdeutschen Bundesländer mehr Spielraum: Sachsen meldet 78.6 Prozent und Mecklenburg-Vorpommern 79.6 Prozent. Berlin liegt bei 82.3 Prozent, Brandenburg bei 77.8 Prozent, Niedersachsen bei 83.1 Prozent, Schleswig-Holstein bei 87.3 Prozent und Bayern bei 87.1 Prozent.
Maßnahmen zur Bewältigung der Überbelegung
Die Justizbehörden setzen pragmatische Maßnahmen ein, um das geschlossene System stabil zu halten. Rheinland-Pfalz entlastet die Justiz, indem es Ersatzhaftstrafen in offenen Einrichtungen vollstreckt und die Mehrfachbelegung geeigneter Zellen erlaubt. Hamburg, das die meisten Ersatzstrafen vorübergehend ausgesetzt hatte, da das geschlossene System für Männer voll war, nahm den Vollzug am 1. Juni wieder auf und ruft Straftäter nun wieder vor. Gleichzeitig bleiben die Möglichkeiten zur Zahlung von Geldstrafen oder zur Umwandlung von Tagen in gemeinnützige Arbeit bestehen. Diese Maßnahmen sollen die Belastung verteilen, ohne gerichtliche Anordnungen zu beeinträchtigen.
Warum die Zahlen nach dem Rückgang durch die Pandemie gestiegen sind
Während der Corona-Pandemie setzten viele Bundesstaaten Ersatzhaftstrafen aus oder verschoben sie, um das Infektionsrisiko zu verringern. Dadurch sank die Zahl der Insassen im März 55,890 auf 2022. Mit der Aufhebung dieser Aussetzungen und der Normalisierung des Vollzugs stieg die Belegung stetig an. Beamte nennen die Wiederaufnahme der Strafvollzugspraxis als Hauptgrund; die Kapazität der Gefängnisse wuchs jedoch nicht im gleichen Tempo.
Deutsche Gefängnisse sind fast voll ausgelastet und die Betriebsbelastung
Hohe Auslastung bedeutet, dass der tägliche Betrieb komplexer wird. Verlegungen zwischen Einrichtungen sind schwieriger zu organisieren, die Aufnahmeplanung wird knapper, und Programme wie Arbeitseinsätze oder Behandlungen können bei Mangel an geeigneten Plätzen in Engpässe geraten. Bundesländer mit einer Auslastung von über 90 Prozent geben an, dass routinemäßige Hilfeleistungen oft die gemeinsame Nutzung von Zellen oder die Verlegung geeigneter Fälle in das offene System erfordern. Diese Schritte erfordern eine genaue Risikobewertung und zusätzliches Personal. Diese Muster spiegeln sich in den jüngsten Erklärungen der Bundesländer zu den Belegungsdaten wider.
Regionale Unterschiede hinter den Gesamtzahlen
Die Spanne zwischen Bundesländern mit über 90 Prozent und Bundesländern mit knapp 80 Prozent verdeutlicht unterschiedliche Strafstrukturen, unterschiedliche Haftanstalten und lokale politische Entscheidungen. Stadtstaaten und dicht besiedelte Regionen berichten von strengeren Bedingungen, während einige östliche Bundesländer über Pufferkapazitäten verfügen. Selbst dort weisen die Justizministerien auf steigende Tendenz hin und stellen fest, dass freie Kapazitäten bei größeren Verlegungen oder Vollstreckungswellen schnell ausgeschöpft werden können.
Politische Debatte dürfte sich intensivieren
Da die deutschen Gefängnisse ihre Kapazitätsgrenzen erreichen, wächst der Druck, mittelfristige Maßnahmen zu ergreifen. In mehreren Bundesländern werden Optionen wie der gezielte Ausbau der Plätze, eine schnellere Sanierung von Trakten, eine breitere Nutzung des offenen Vollzugs für risikoarme Ersatzstrafen und anhaltende Anreize zur Umwandlung von Geldstrafen in Zahlungen oder gemeinnützige Arbeit diskutiert. Die neuesten Daten verleihen diesen Debatten politischen Schwung und unterstreichen zugleich, dass Entscheidungen ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Glaubwürdigkeit des Vollzugs, Sicherheit und Resozialisierung erfordern.
Ausblick für Ende 2025
Die Justizministerien betonen, dass das System weiterhin funktionsfähig sei, räumen aber ein, dass die Auslastung in stark ausgelasteten Einrichtungen gering sei. Da die Gesamtauslastung bereits bei etwa 86 Prozent liegt und in mehreren Bundesstaaten über 90 Prozent liegt, werden die Behörden die Zugänge, die Durchsetzungsmaßnahmen und die Personalausstattung bis Jahresende genau beobachten. Jeder anhaltende Anstieg der Häftlingszahlen ohne zusätzliche Entlastungsmaßnahmen würde die Flexibilität weiter einschränken.
