Aussetzung der Familienzusammenführung löst Aufschrei aus

by WeLiveInDE
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Gesetz sieht vollständige Aussetzung der Familienzusammenführung vor

Deutschland hat eine zweijährige Aussetzung des Familiennachzugs für Menschen mit subsidiärem Schutzstatus verhängt. Der Bundestag verabschiedete die Maßnahme am 27. Juni nach einer hitzigen Sitzung, in der 444 Abgeordnete für den Entwurf von Innenminister Alexander Dobrindt stimmten und 135 dagegen. Befürworter betonen, die Aussetzung werde „den Gedanken der Beschränkung wieder in das Einwanderungsrecht einführen“ und den Druck auf überlastete Kommunen verringern. Kritiker wenden ein, die Aussetzung des Familiennachzugs verstoße gegen das verfassungsmäßige und internationale Recht auf Familienleben und untergrabe Integrationsbemühungen.

Nach der bisherigen Quote durften bis zu tausend Angehörige pro Monat zu ihren bereits in Deutschland lebenden Lieben nachreisen. Alle diese Anträge werden nun eingefroren, es sei denn, die Antragsteller können eine außergewöhnliche Härte nachweisen, etwa eine lebensbedrohliche Krankheit oder den Fall eines unbegleiteten Minderjährigen. NGOs warnen, die Kriterien seien vage, und die Erfahrung zeige, dass wahrscheinlich nur eine Handvoll humanitärer Visa erteilt würden.

Aussetzung der Familienzusammenführung verheert getrennte Haushalte

Die Folgen dieser Entscheidung sind für Familien wie die Sataris aus Afghanistan unmittelbar spürbar. Vater Sorosh kam 2015 an und fand Arbeit als Altenpfleger, doch während der langen Reise Richtung Westen im Jahr 2019 strandeten zwei seiner vier Töchter im Iran. Obwohl er 2023 endlich eine Aufenthaltserlaubnis erhielt, ruhte der Antrag der Familie auf einen Botschaftstermin seit über einem Jahr. Diesen Monat wurden die Mädchen aus dem Iran zurück nach Afghanistan abgeschoben, was die Angst der Eltern angesichts der verschärften Taliban-Restriktionen noch verstärkte.

Rechtsanwälte sprechen von einer „Epidemie der Verzweiflung“ unter Eltern und Ehepartnern, die bereits jahrelang warten. Mehrere von Pro Asyl dokumentierte Fälle betreffen Kinder, die ohne einen oder beide Elternteile aufwachsen, Teenager, die wichtige Schulbildung verpassen, und einen sudanesischen Jungen, der an einer unbehandelten Infektion starb, während die Warteschlange für Visa in Kairo immer länger wurde. Aktivisten argumentieren, dass die Aussetzung der Familienzusammenführung solche Tragödien vervielfachen wird, indem sie selbst den begrenzten Weg, der existierte, beseitigt.

Bürokratische Verzögerungen gab es schon vor dem neuen Einfrieren

Schon vor der Aussetzung der Familienzusammenführung war der Prozess notorisch langsam. Antragsteller müssen sich zunächst online einen Termin bei einer deutschen Botschaft sichern, was in Teheran und Beirut bis zu zwei Jahre dauern kann. Nach dem Interview liegen die Akten monatelang liegen, während die Auslandsvertretungen auf die Genehmigung der lokalen Einwanderungsbehörden in Deutschland warten. Beamte geben zu, dass der Rückstand auf Personalmangel und den fehlenden digitalen Dokumentenaustausch zurückzuführen ist. Da Deutschland in Afghanistan keine diplomatische Vertretung hat, müssen viele Afghanen in den Iran oder nach Pakistan reisen – eine teure und gefährliche Reise – und werden dort meist hinten in der Warteschlange platziert.

Das Auswärtige Amt ist sich der Belastung der Familien sehr bewusst und verspricht, die Kapazitäten zu erweitern. Menschenrechtsgruppen bleiben skeptisch und verweisen auf die Ministererklärung, wonach nur ein Prozent der anhängigen Anträge für Härtefallhilfe in Frage kommen. Sie fordern Berlin auf, Ferninterviews einzuführen und anzuerkennen, dass eine längere Trennung an sich schon eine humanitäre Notlage darstellt.

Verfassungsrechtler argumentieren, dass die Aussetzung möglicherweise gegen Artikel 6 des Grundgesetzes, Artikel 7 der EU-Charta und Artikel 8 der Europäischen Menschenrechtskonvention verstößt. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte entschied 2021, dass eine dreijährige Wartefrist in Dänemark das Recht auf Familienleben verletzt, da keine individuelle Beurteilung angeboten wurde. Deutsche Richter haben zuvor eine Zweijahresgrenze für kleine Kinder und eine Dreijahresgrenze für Ehepartner festgelegt – Zeiträume, die viele Antragsteller bereits überschritten haben.

Regierungsanwälte berufen sich auf eine Härtefallklausel in Paragraf 22 des Aufenthaltsgesetzes als Schutzmaßnahme. Migrationsforscher weisen jedoch darauf hin, dass diese Klausel den Behörden einen großen Ermessensspielraum einräumt und transparente Berufungsverfahren fehlen. Wird die Klausel abgelehnt, haben Familien kaum eine andere Möglichkeit als langwierige Gerichtsverfahren. In diesen Fällen können Kinder zu alt werden und Eltern in Kriegsgebieten ihre Gesundheit oder ihre Wohnung verlieren.

Unsichere Aussichten nach der zweijährigen Pause

Die Minister versprechen, die Regelung Mitte 2027 zu überprüfen. Der Ermächtigungstext erlaubt jedoch eine Verlängerung, wenn „die Umstände es erfordern“. Hilfsorganisationen befürchten, dass der Rückstand so stark anwachsen wird, dass selbst nach Ablauf der gesetzlichen Frist keine neuen Stellen mehr besetzt werden können. Einige Schutzberechtigte hoffen, die Hürde durch ein Fachkräftevisum oder eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis zu umgehen. Sprachanforderungen, die Anerkennung von Diplomen und psychische Belastungen machen diesen Weg jedoch nur für eine Minderheit machbar.

Derzeit sind Tausende Familien zwischen den Kontinenten hin- und hergerissen, in der Ungewissheit, ob sich die Möglichkeit einer Wiedervereinigung wieder öffnet. Pro Asyl bezeichnet die Suspendierung als „symbolische Grausamkeit“ und hat eine Online-Petition gestartet, die ihre Aufhebung fordert. Unterdessen beendet Sorosh Satari jeden Abend mit einem Videoanruf, der von Schluchzen an beiden Enden der Leitung unterbrochen wird – eine Routine, die noch Jahre andauern könnte, wenn Berlin nicht seinen Kurs ändert.

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